Hey Philipp,

Du konntest ja leider nicht am Staffelfinale von whoosh die show teilnehmen. Wir haben Dich sehr vermisst. Damit Du erahnen kannst, was Du verpasst hast, schildere ich Dir meinen Eindruck von unserem Ausflug. Und verpasst hast Du wirklich was!

KEBE Living – Was’n das?

Zu siebzehnt liefen wir pünktlich in der Lorenzstraße in Lichterfelde ein. Wobei einer von uns nicht einlief, sondern einhumpelte. René hatte sich tags zuvor am Fuß verletzt und schlurfte nun wie ein Zombie auf der Suche nach Hirrrrrn.

KEBE Living ist eine Feinkost-Manufaktur. Nein, halt! Eine Lebensmittel-Manufaktur.
„Feinkost ist ein korrupter Begriff“, erzählte uns Rüdiger, die männliche Hälfte von KEBE Living. „Lebensmittel aber ist ein schönes Wort, wenn man es sich mal auf der Zunge zergehen lässt.“
Wichtiger für uns aber war das Wort Manufaktur. Schließlich war unser Ziel, mal eine echte, klassische Manufaktur von Innen zu sehen. Und dazu luden uns nun Miriam und Rüdiger Kebe ein.
Die Lebensmittel-Manufaktur befindet sich in mehreren Gebäuden, die sich fast nahtlos aneinanderreihen. Fast, denn dazwischen steht noch das Gardinen-Atelier, eine alte Näherei. „Und die soll da auch bleiben“, sagt Rüdiger, als wir ihn darauf ansprechen, ob er plane, sich auf das Eck-Gebäude auszuweiten. Offenbar ist ihm die Näherei kein Dorn im Auge. Im Gegenteil, er spricht liebevoll von der Besitzerin, einer älteren Dame, die niemals aufhören solle zu nähen.
„Das Fenster da oben ist unser Schlafzimmer“, sagte Rüdiger und zeigt auf ein Fenster über dem Gardinen-Atelier. „Keine Angst, das war jetzt die privateste Information; noch privater wird’s nicht. Aber es ist schön, wenn wir morgens aus dem Fenster gucken und sehen, wie andere in ihren Kostümchen eiligst in ihre Autos steigen und zur Arbeit fahren. Und wir müssen einfach nur die Treppe runter.“

Linkerhand der Näherei befindet sich das Café, das Miriam und Rüdiger betreiben. Hier kann man vor Ort lecker essen, oder man kauft Leckereien für Zuhause. Dieser Laden ist aber nicht das Hauptgeschäft der beiden Manufakteure. Ihr Geld verdienen sie hauptsächlich mit ihrem Online-Shop, durch Wiederverkäufer oder durch größere Sonderwünsche (so habe ich das jedenfalls verstanden). Zu den Wiederverkäufern zählen offenbar auch einige Edeka-Fillialen. Das sind aber die einzigen Supermärkte, die Miriam und Rüdiger beliefern wollen.

KEBE Living – Wer is’n das?

Wenn er nach seinem Alter gefragt wird, verweist Rüdiger auf die Hausnummer des Eckhauses. Dies sei sein Geburtsjahr. „Man sieht Dir Dein Alter gar nicht an“, stellte René fest.
„Die viele Arbeit hält mich jung“, antwortete Rüdiger.
„Und das Segelboot-Fahren“, fügte René hinzu. Ihm hat das Hobby des Manufakteur offenbar zugesagt.
„Und die junge Frau an meiner Seite“, schloss Rüdiger das Gespräch mit einem Lachen ab.

Rüdiger ist ein herzlicher Mensch, der uns mit großer Offenheit gegenübertrat. Er scherzt gerne und viel, kann aber auch ernst sein. Etwa wenn er von den Herausforderungen erzählt, die eine Manufaktur mit sich bringt. Von der vielen Arbeit und den Schwierigkeiten, Zeit für die Leidenschaften zu finden, die nicht lebensmittelbezogen sind.

Rüdiger erzählt gerne und viel. (Philipp, erinnert Dich das an jemanden?)
„Dazu hab ich auch noch was zu erzählen“, fing Rüdiger eine weitere Anekdote an.
„Ach echt? Du hast was zu erzählen? Glaubt man ja gar nicht!“, spottete René mehr als ein Mal.
Die Schattenseite von Rüdigers Redseligkeit ist, dass er Miriam nicht viel zu Wort kommen ließ. So habe ich keinen so deutlichen Eindruck von ihr gewinnen können. Sie scheint mir der Ruhepool zu sein, der Rüdigers Wesen ausgleicht. Aber da kann ich auch falsch liegen. Was am deutlichsten bei mir hängen geblieben ist, ist, was Miriam über sich selbst sagte: „Fast alle Erinnerungen an meine Kindheit sind solche, in denen ich meine Hände im Essen hatte. Sei es im Kuchenteig oder beim Birnen-Pflücken.“
Miriams Leidenschaft für gutes Essen zieht sich durch ihre gesamte Vita. Man hört ihr diese Leidenschaft auch deutlich an. Und sie bekommt dieses Leuchten in den Augen, wenn sie darüber spricht.

Ich mochte total, dass Rüdiger und Miriam so klar in ihrer Vorstellung sind. Man merkt, dass die beiden einiges durchgemacht haben und daher total viel Ahnung haben in dem, was sie tun.
Beispiel Zucker: Durch die Kontakte zu Großhändlern haben die beiden mit einem Zucker-Händler gesprochen. Dieser kannte sein Produkt nur in Zahlen. Also was kostet wie viel und wo ist die Marge. Das Produkt war damit nur ein kristalliner Stoff. Dann zeigt Miriam für jede Art von Zucker ein Anwendungsbeispiel. Plötzlich eröffnet sich die Vielseitigkeit des Produkts. Der Händler kann seine Kunden jetzt viel besser beraten, denn je nach Herstellung sind die Eigenschaften total unterschiedlich.

Ich habe Muscovado getestet und war sofort begeistert wie aromatisch dieser Zucker ist. Solltet ihr auf jeden Fall probieren.

Martin

KEBE Living – Wer isst denn das?

Weißt Du, Philipp, klar war es interessant, Miriam und Rüdiger kennenzulernen. Klar war es interessant, einen Einblick in eine Manufaktur zu bekommen. Sicherlich habe ich etwas dazugelernt. Etwa, dass Qualität und Massenproduktion sich manchmal ausschließen. Weil es für echte Qualität physische Bedingungen gibt, die nach oben hin begrenzt sind.
Natürlich ist das alles interessant und aufschlussreich.

Aber…!

Aber, Philipp, meine Güte, das Essen! Oooh, das Essen!
Der Abend wurde abgeschlossen durch ein Buffet. Den Hauptbestandteil des Buffets machten die verschiedenen Aufstriche aus, die alle von Miriam selbst kreiert wurden. Ich liebe sowas ja: Gutes Brot und dazu verschiedene Leckereien, die man durchprobieren kann. Von allem wollte ich mir etwas auf den Teller schippen. Doch dann… dann sah ich ihn…

Der Unhold!

Neben den süßen Aufstrichen stand er.
Ein riesiges, ein gigantisches Stück Roquefort. Mein Lieblingskäse.
„Hey, du da!“, rief er mir zu. „Iss mich. Ich bin lecker.“
„Aber ich bin doch hier, um etwas Neues auszuprobieren“, antwortete ich.
„Na los, iss mich! Du wirst es nicht bereuen, das garantiere ich dir.“, beharrte der Schafmilchkäse.
„Aber du bist doch gar nicht von Miriam selbstgemacht. Du bist keine fantastische Kreation von KEBE Living.“
„Stimmt. Fantastisch lecker bin ich trotzdem. Oder bezweifelst du das etwa?“
„Nein, ich glaube dir.“
„Na dann iss mich endlich. Du kannst dir ja noch als Alibi ein bisschen was von der Oliven-Marmelade mitnehmen, oder was auch immer das ist.“
„Okay, du hast gewonnen“, sagte ich resignierend, während ich mir ein großes Stück Blauschimmelkäse auf den Teller packte. Und dazu ein wenig… was ist das? Süße Olivenpaste? Oh jeh…

Was soll ich mit süßer Olivenpaste?

Ich setzte mich nach draußen an einen kleinen Tisch, und begann zu essen. Der Roquefort war köstlich. Doch dann fiel mein Blick auf den Klecks Olivenpaste. Das Glas, in dem sie sich befunden hatte, stand direkt neben dem großen Stück Roquefort. Deshalb nahm ich an, dass der Käse dazu gedacht war, mit der Paste kombiniert zu werden. Mutig strich ich also das grüne Zeug über den Käse und biss hinein.

Als ich wieder zu mir kam, wusste ich weder, wer ich war, noch wo ich mich befand. Ich wusste nur, dass ich weiteressen musste.
Neben mir am Tisch saß Janine. Zufällig hatte sie wohl gerade das gleiche gegessen wie ich. Mit entrücktem Blick murmelte sie vor sich hin: „Der Käse zusammen mit dieser Olivenpaste… Ich glaube, ich kann nie wieder aufhören, das zu essen. Ich glaube, ich möchte auch nie wieder etwas anderes essen als das.“
Da sprach sie genau das aus, was ich auch dachte. Und fühlte.
„Siehst du?“, raunte der Roquefort mir zu. „Ich hab dir doch gesagt, dass du’s nicht bereuen wirst.“

KEBE Living macht süchtig

Weißt Du, Philipp, im Grunde genommen kannst du froh sein, dass Du nicht dabei warst. Sonst hättest du jetzt eine schwere KEBE-Living-Lebensmittelabhängigkeit entwickelt. So wie ich. Ich könnte noch stundenlang über das Essen schreiben, das Du verpasst hast. Aber ich bin jetzt schon kurz davor, in meine Tastatur zu beißen, weil ich von der Erinnerung wieder Appetit bekomme. Klar war die Olivenpaste mein Highlight, aber alles andere war auch großartig. Die Aufstriche, das Gazpacho (eine erfrischende kalte Suppe), der Mandelkuch- mpf mh mjamjam…

Eine Gaumengeschichte jagte die andere. Ich wünschte mir 7 Mägen. Am liebsten hätte ich gar nicht mehr aufgehört, zu genießen.
Trotz Humpelfuß war jeder Moment ein Genuss. Rüdiger und Miriam sind einfach wahnsinnig interessante Menschen, mit denen ein Abend voller Gespräche und guten Geschmacks ein absoluter Gewinn sind.

René